Crosstrail, Trailcross oder wie?

06.04.2016 | Von val
Crosstrail, Trailcross oder wie?
Trailrunning / Trailgeflüster
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Früher war alles besser. So könnte man meinen. Denn wenn man sich heutzutage den Wettkampfkalender anschaut, dann fällt es schwer, eine Planung zu machen. Die Veranstaltungen haben sich in den vergangenen Jahren wie ein Geschwür ausgebreitet. Wie ein gutartiges Geschwür, allerdings. Wettkampftermine wuchern in der ganzen Welt über Berge, Meer, Städte, Ebenen, Wälder, Hallen und unter Tage. Und in Bezug auf Trailrunning hat sich auch einiges getan. Trails werden nun auch vermehrt da gelaufen, wo keine Berge rum stehen. Endlich geht es nicht mehr nur um die die Vernichtung von Höhenmetern. Denn das war mir schon immer ein Dorn im Auge: diese Unmenge an Vertikalen. Immer dieses hoch kämpfen. Obwohl ich als leidlich guter Downhiller meinen Spaß daran habe, nach dem erfolgreichem Gipfelkampf wieder ins Tal zu brettern, so ist mir der Aufstieg, vor allem im Wettkampf, schon immer ein Graus gewesen. Müssen es immer 1.000, 2.000 oder 3.000 Höhenmeter pro Wettkampftag sein?

Jein!

Eigentlich können in den endlosen Weiten des Nord- und Ostdeutschen Flachlandes überhaupt keine Trailwettkämpfe durchgeführt werden, denn es fehlt an passenden Erhebungen. Und Höhenmeter sind ein wichtiger Bestandteil dieser Art von Geländelauf, so liest man immer wieder in der einschlägigen Literatur. Aber warum eigentlich? Machen wir es doch wie die Franzosen oder Belgier. Die Eco-Trail-Serie verzichtet von Vorneherein auf unnötige Höhenmeter und lässt die Läuferschar durch Parks und Wälder laufen, als „High“light gibt es höchtstens einen Treppenlauf auf den Eiffelturm. Doch ab wann ist ein Trail ein Trail? Bedauerlicherweise haben die Wettkampfstrecken recht häufig nichts mit der Vorstellung „Trampelpfad“ gemein. So auch einige heimische Events. Denn allzu oft sind die Genehmigung für wirkliche Pfade durch das Gehölz vom Veranstalter nicht zu erhalten, also landet man auf Forststraßen und Radwegen. Da macht es dann doch mehr Spaß bei einem Crosslauf durch einen Acker zu pflügen. Hier sind neben (Kraft)Ausdauer auch Geschick und eine gute Koordination essentiell, denn es gilt Löchern, Kuhlen, Senken, Baumstümpfen, Weidezäunen und wilden Tieren auszuweichen und dabei den Gegner nicht aus den Augen zu verlieren.

Ist der Crosslauf also der bessere Trail?

Crossläufe finden im Gegensatz zu Trailrunning Events auf einem Rundkurs statt. Ein Geländeläufer, der es gewohnt ist, sich von A nach B ins Ziel durch zu kämpfen wird demnach eine kleine Überraschung erleben, wenn das nächste Rennen plötzlich auf einer für Ihn ungewohnten Runde stattfindet. 30 Kilometer als 4 Kilometer langer Kreis-Lauf sind auch eine psychisch anstrengende Sache. Andererseits können nun Papi/Mami oder der Nachwuchs endlich mal von der Familie über längere Zeit bei der Jagd nach Sekunden beklatscht und deren Veränderungen von Körperhaltung und Gesichtsausdruck viel intensiver studiert und fototechnisch festgehalten werden als das bei einem Rennen durchs Gebirge möglich ist. Dort sieht man seine Helden höchstens zwei bis drei Male. Nämlich beim Start, danach schnell ins Auto oder in die Seilbahn gesprungen und irgendwo an die Strecke gebraust, dort kurz anfeuern, schnell mit Auto oder Seilbahn wieder runter ins Ziel und dann hoffen, vor dem Athleten dort zu sein und zu applaudieren.

Mehr Stress also für den Zuschauer als für den Wettkämpfer!

Findige Vereine kommen langsam auf den Trichter, dass ein Crosslauf sich vom Wesen her nicht groß vom Traillauf unterscheiden muss. Als „Trail“ bezeichnet mobilisiert so ein Crosslauf jedoch wesentlich mehr Läufer. Wenn der Niedergang des Crosslaufs mit Hilfe dieses kleinen Marktetingtricks also gestoppt und den Vereinen damit unter die Arme gegriffen und dadurch ein reichhaltigeres Wettkampfangebot gesichert wird, dann gewinnen alle dabei. Allerdings gilt es, die reinen Trailrunner nicht durch eine zu simple Streckenführung zu vergraulen. Wir Trampelpfadläufer benötigen fieses Gelände, knochenbrechende Felspassagen, knackige Downhills und matschige Sumpflandschaften um glücklich zu sein.

Oder aber man erfindet einen neuen Begriff. Wie wäre es, Kreis-laufende Cross-Events abseits der Straße als „Trailrunning-Light“ oder Crosstrail zu benennen?

Crosstrail: zwei Begriffe die ein und denselben Event bewerben. Hätte auch den Vorteil, bei einer Suche mit Google oder Ixquick mehr Treffer zu erzielen.

Und die Zuschauer, die hätten endlich weniger Reiseaufwand und mehr Spaß beim anfeuern. Im Start- und Zielbereich wird das Picknick aufgebaut, alle 20 Minuten kommen Vati/Mutti/Sohn oder Kumpel vorbei gehetzt, der Kaffee schmeckt, die Stimmung ist gut, man kann die Abstände zu den Gegnern besser mit stoppen, fühlt sich dem Wettkampf mehr verbunden und freut sich, wenn der Veranstalter dann auch noch Bratwürste und kühles Bier verkauft (was wiederum die Vereinskassen füllt).

Und auch für die Starter an diesen Rundstreckenrennen treten Erleichterungen ein. Denn wer benötigt hier schon eine Minimumausrüstung oder einen Trinkrucksack? Der Trail wird wieder zum reinen Lauf-, Ausdauer- und Koordinationskampf, unabhängig von teurem Leichtgewichts-Tuning und Materialschlacht.

Und auch wenn Sportartikelhersteller dieses Konzept mit Argusaugen beobachten und kaum gutheißen würden, denke ich nicht, dass Sie wirklich die Leidtragenden wären.

Trailläufer sind gerne draußen unterwegs. Und gerne auch länger. Und wenn auch nicht im Wettkampf, so wird denn die Ausrüstung mit Rucksack und Stöcken etc. nach wie vor benötigt. Denn noch schöner als der Kampf gegen Konkurrenten sind die lange, abwechslungsreiche Touren durch die Natur, auf einsamen Pfaden, abseits von Remmidemmi und Touristenströmen.

Oder?

Euer Andreas Eberhardt

Foto: Jörg Valentin / Deutsche Cross-Meisterschaften 2016 – hier die Altersklassen W50 und M60 plus bei ihrem Titelrennen.

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