„Abenteuer“ in San Francisco

12.05.2016 | Von val
„Abenteuer“ in San Francisco
Trailrunning / Trailgeflüster
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Wer Amerika bereist und sich verschiedenste Städte dort angeschaut hat, der wird mir Recht geben. San Francisco ist eine der cooleren Destinationen. In jeglicher Hinsicht. Museen, Landschaft, Nightlife, Infrastruktur und kulturelle Vielfalt. Die Stadt ist Hipp, die Sonne scheint, das Silicon Valley ist nicht weit. Wermutstropfen? Ja. Im Winter ist es extrem kalt, die Lebenshaltungskosten sind sehr hoch und die Obdachlosendichte ebenso. Das Elend wiederum ist typisch Amerika und eine der Schattenseiten, welche im „freiesten Land der Welt“ krass ins Auge fällt.

 

Seit vielen Jahren darf ich, berufsbedingt, die Stadt erleben und die Trails bearbeiten. Und langweilig ist es mir dabei nie geworden. Denn wer hier laufen geht und die Augen auf hält, dem sind kleine Abenteuer garantiert.

Gestern also, ich mir eine 25 km Schleife vorgenommen und beim berühmten Pier 39 los getrabt, vorbei am Aquapark und durch Crissyfield, wo man direkt am flachen Strand auf die große, rote Brücke zu läuft. Früh morgens unterwegs, war ich fast alleine und überquerte den Stahlkoloss flotten Schrittes in Richtung Norden. Mein Ziel: Das „Point Bonita Lighthouse“, ein Leuchtturm, der ca. 10 km entfernt an der Küste wacht. 10 km, sofern man die Straße benutzt. Was ich nicht tat. Zumindest nicht auf dem Hinweg.

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Nachdem die Golden Gate Bridge überquert war, unterquerte ich sie bei „Vista Point“ gleich noch um auf die richtige Seite zu gelangen. Ich wählte an jeder Gabelung den schmaleren Pfad (mein allseits bekanntes Motto).

Erst mal 80 m steil hoch zum „Golden Gate Bridge Vista Point“, und ab da wieder eine Sandpiste hinunter, vorbei an „Battery Spencer“, einer alten Militär-Ruine, bis weiter nach „Cirby Cove“, einer wunderschönen, kleinen Bucht, jedoch noch ohne Sonne. Dafür war ich zu früh dran. Ab hier führte keine Straße mehr weiter und so suchte ich den sehr steilen Wald ab, bis ich einen Trampelpfad gefunden hatte, der der Küstenlinie in waghalsiger Manier folgte. Steil, ungesichert und zugewachsen. Aber genial. 800 Meter Trail mit fast 200 Höhenmetern durch die morgendliche Sonne, begleitet von Schiffshörnern und dem Rauschen der Brandung. Diese Gegend war in früheren Zeiten extrem stark bewacht. Davon zeugen noch heute eine Menge Ruinen von alten Geschützstellungen. Die hügelige Landschaft ist ein einziges Bunkersystem. Für Militärfritzen und Morbid-Fotografen ein lohnendes Ziel.

Ich trage ein altes, aber selten getragenes Shirt, welches ich in meiner Krimskramskiste zu  Hause gefunden hatte. Finisher 2010. Oje. Echt schon alt. Transalpine Run. Na das Thema passt ja zur heutigen Einheit, denk ich mir. Schon bald muss ich schmerzlich erfahren, warum ich das Hemd nie getragen habe.

Es scheuert meine Brustwarzen auf.

Glücklicherweise ist es angenehm frisch und so rolle ich das Shirt hoch, lege die Brust frei und freue mich über die angenehme Luft die meinen Adoniskörper verwöhnt.

Ab der Festungsanlage „Hawk Hill“ folge ich einem genialen Treppentrail, steil bergab, in  Richtung Wasser zur nächsten Festung, der „Battery Wallace“. Weiter unten im Sand liegt was und wird von den Wellen umspült. Neugierig geh ich hin. Oh. Ein toter Waschbär. „Jetzt ist er sauber und gewaschen“, denk ich mir noch mit einem Hauch von Sarkasmus. Das Gelände ist leicht abschüssig und ich bin fast alleine. Wie angenehm. Keine Touristen und kein Motorenlärm. So lässt es sich laufen. Überall schlägt die Brandung an die Felsen. Was für ein Panorama. Leider ist dann nach mehr als 10 abwechslungsreichen Kilometern der Zugang zum Leuchtturm durch ein Eisentor versperrt und so suche ich den nächsten Aufstieg in den schroffen Felsen, um etwas Aussicht zu genießen.

Die „Battery Mendell“ ist eine leichte Geschützstellung, welche von all den Anlagen hier am meisten Zerfall aufzeigt. Dächer eingestürzt, Beton geborsten und alles voller Graffiti. Ich höre eine tiefe Stimme im Wind und es hört sich an wie eine Predigt vom verblichenen Referent Jim Jones. Ich schau zu den Klippen, da turnt ein älterer, hagerer Mann im schwarzen Anzug, Hut und Sonnenbrille vor der aufgebauten Kamera herum. Er schreit, singt tanzt und gestikuliert. Später kommen wir ins Gespräch (Amerikaner lieben den Small Talk) und er erzählt mir, dass er gerade ein Videoclip für sein Rebell-Rock’n Roll Album dreht. Noch etwas später sehe ich den alten Rebellen auf dem Parkplatz in seinen nagelneuen Pickup steigen, gekleidet in Jeans und Holzfällerhemd. Voll rebellisch.

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Die Küste hier ist steil, die Klippen sind 100 Meter hoch. Der Wind schickt Klänge von Bojen und Schiffs-Sirenen herüber. Am liebsten würde ich hier zelten (und nachts Gefahr laufen, beim Gang zum stillen Örtchen über die Klippen zu stolpern? Nein, lieber doch nicht). Also begebe ich mich wieder auf den Rückweg. Dieses Mal folge ich der Straße. Mein Ziel ist es, bis zur roten Brücke durch zu laufen. Das ist gar nicht so einfach, denn die Straße ist an manchen Stellen 18 % steil. Eine Gruppe von Pfadfindern diskutiert auf meinem Weg angeregt die verschiedenen Gesteinsschichten. Bis zum „Hawk Hill“ fluche ich mich  wild entschlossen die Anstiege hoch. Als Lohn winkt mir der Respekt einiger pausierender Radfahrer, die mich schon von weitem beobachtet hatten und mir aufmunternd zurufen. „Well done!“

Ich entscheide mich, auf der Straße zu bleiben. Denn den Trail kenne ich bereits. Außerdem weckt ein Polizeiaufgebot mein Interesse. Die Straße ist gesperrt, Kameras aufgebaut und überall stehen Trucks herum. Viele Autos. Alle von Tesla. Ein Werbespot wird gedreht. Cool. Weiter führt mich mein Weg zurück zur Brücke. Zurück in die Zivilisation.

Wo die stählerne alte Dame vor 3 Stunden noch mir alleine gehörte, quälen sich nun Menschenmassen über den roten Koloss. Als ich die Brücke passiert habe, sehe ich, wie die Polizei gerade einen Fahrgast aus einem Bus zerrt und verhaftet. Der hat sich bestimmt nicht an Essverbot im Bus gehalten.

Nur noch zwei Kilometer bis zum Getränkestopp in „Crissy Field“. Wasser hatte ich mal wieder definitiv zu wenig dabei. Nämlich gar keines. Großer Fehler und gleichzeitiges Härtetraining.

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San Franciscos größter Sporthändler steht in diesem Stadtteil. Das „Sports Basement“ ist eine riesige Halle, vollgestopft mit allem, was das Sportlerherz begehrt. Ich schlendere, völlig nassgeschwitzt, durch den Laden. Da sehe ich ein nettes Oberteil. Gekauft und angezogen. Das alte  Hemd ziehe ich aus und hänge es neben dem Geschäft in die Sonne. Ich sehe für es und mich keine Zukunft mehr, denn wer trägt schon gerne ein Shirt das scheuert? Also verabschiede ich mich von dem Teil und trabe gemütlich die letzten 4 Kilometer  zum Hotel zurück.

Und wenn es keiner mitgenommen hat, dann hängt es noch heute in der Sonne, das Finisher Shirt.

Euer Andreas Eberhardt

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